Kinder wollen es immer ganz genau wissen. Selbst wenn man es nicht so genau wissen kann. Zum Beispiel Sucht. Was es ist und wie wir sie davor bewahren sollen. Und ob man das überhaupt kann. Und so kam ich jüngst, als meine Kinder beim Anblick hohläugiger Junkies und rotgesichtiger Alkis am Bahnhof von mir wissen wollten, was Sucht ist, in Verlegenheit.
Ich war noch jung und brauchte auch nicht besonders viel Geld, als ich dem Klischee erstmals ins Gesicht starrte. Es attackierte mich in Gestalt einer guten Freundin, kinderlos, überall dabei und über alles informiert. Ich war damals mit meinem zweiten Kind schwanger und teilte dies besagter Freundin mit. «Noch eins?» fragte sie mit süffisantem Grinsen. «Dann kommt als Nächstes bestimmt ein Auto, ein Haus und ein Hund.»
Man kann es durchaus auch positiv sehen, so vom Lerneffekt her. Merke: 18 Jahre, fünf Millimeter, so die Daten, die wir dank der Aidshilfe Schweiz auf unserer neuronalen Festplatte abgespeichert haben. Ersteres umreisst die Dauer, die ein männliches Glied benötigt, um zu voller Länge heranzuwachsen. Letzteres, um wie viel der Umfang eines handelsüblichen Kondoms reduziert werden muss, um den Status eines «Kinderkondoms» zu erhalten, wie «20 Minuten» das neue Jugendkondom knackig auf den Punkt brachte.
Als junge Mutter war ich fasziniert von der Vorstellung, wie sich vom Moment an, da Same und Eizelle zu einem Zellhaufen verschmelzen, mit unabänderlicher Konsequenz ein menschliches Bewusstsein entwickelt. Plötzlich ist es da, taucht irgendwo auf an der Schnellstrasse, die vom Embryo, der in utero mit seiner Mutter koexistiert, zum saugenden und schreienden Baby führt, zum brabbelnden und herumwankenden Dreikäsehoch, bis zum ernst in die Welt blickenden Kind, das alle Grundlagen des Verstandes hat und bereits die grossen Fragen der Menschheit stellt.
Meine beste Freundin hat alles, was Frauen sich normalerweise so wünschen. Sie ist attraktiv. Sie hat ein Kind. Und sie ist single, wobei sie sich mit dem Kindesvater das Sorgerecht teilt. Drei Tage die Woche wohnt die Tochter bei ihr, zwei Tage beim Vater, die Wochenenden alternieren. Das lässt meiner Freundin viele Freiheiten. Perfekt, finde ich. Paradiesisch. Aber weil der Vertrag mit der Welt, gemeinhin Leben genannt, vornehmlich aus klein Gedrucktem besteht, hat meine Freundin auch ein Problem.
Nicht etwa, weil sie kurzsichtig wäre – denn dafür gibt es Brillen und auch Brillen stehen meiner wirklich bezaubernden Freundin ausgezeichnet – ganz im Gegenteil. Sie sieht fast schon zu klar, was ihre Situation betrifft. Aber lassen Sie mich kurz ausholen.
Ein Glück gab es die Neunzigerjahre. Hätte es diese nicht gegeben, wäre ich vielleicht nie mit dem Dogma der Flexibilität in Berührung gekommen. Die Berührung entwickelte sich mit meiner Mutterschaft schnell zu einer Liebesbeziehung, die mir ermöglicht, auf vieles zu verzichten. Zum Beispiel auf Verzicht selbst. Schliesslich kann man auch als Mutter fast alles machen, solange man flexibel genug ist. Letztlich ist alles nur eine Frage der Interpretation.
Als ich vergangenen Montag den «Blick am Abend» las, brüllte mich eine Schlagzeile mit Tinnitus-Effekt an: «Sieg der Schwerkraft» hiess ein Artikel, der sich Ladina Blumenthals Brüsten, beziehungsweise ihrer mangelnden Spannkraft beim Auftritt an den Swiss Awards widmete, aufgemacht mit einem Bild der Brust, die vom grünen, weit ausgeschnittenen Kleid auf die Rippen gedrückt wurde. Der Gegenstand der Erörterung war lila eingekreist und zur besseren Beurteilung durch den Leser vergrössert. Frau Blumenthals Hängebusen, so die Journalistin, sei das Gesprächsthema des Abends gewesen.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, so heisst es, denn Geschmack ist eine persönliche und emotionale Frage, an der sachliche Argumente abprallen. Dennoch verliert sich alle Welt in Diskussionen darüber. Bei der Kinderfrage ist es ähnlich. Abhängig von den Variablen persönliche Geschichte, Umfeld, Partner und Zufall sind die Argumente dafür oder dagegen zahllos und meistens gruppieren sich ganze Glaubenssysteme darum. Doch letztlich sind Kinder ein Axiom, eine Setzung.
Ein paar Gedanken: "Langsam beginne ich zu verstehen", so lautet der Soundtrack zum Wachsen und Reifen. Es gibt viele Momente, in denen ich diese Musik höre. Mein Vater sagte dies zu mir im letzten Frühling seines Lebens, bei einem unserer leider so rar gebliebenen Gesprächen unter Erwachsenen. Die Bäume waren zartgrün und wir ritten zusammen, nicht durch unsere Ländereien zwar, sondern bloss durch den Wald, aber ich fühlte mich trotzdem so, ich fühlte mich wie eine Prinzessin. „Deine Grossmutter“, sagte er mir, „pflegte sich immer so zu freuen, wenn es Frühling wurde. Ich begriff nie, was am Frühling so Besonderes sein soll. Aber langsam beginne ich zu verstehen.“ Und wir ritten zusammen und ich wusste, dass er das Leben genoss, das da vor uns so gewaltig erwachte.
Ein neues Jahr hat begonnen und auch ich beginne so langsam Vieles zu verstehen. Das mit dem Frühling habe ich schon lange begriffen. Trotzdem stosse ich auf immer neue Dinge, die ich jetzt plötzlich anders sehe. „Eines Tages werdet ihr verstehen“, sage ich meinen Kindern. Und wenn ich eine Situation als ausweglos oder empörend und ungerecht empfinde, so ahne ich immer öfter, dass ich wohl eines Tages verstehen werde.
Ich stricke einen Schal. Und denke dabei über Verstrickungen nach. Zum Beispiel die grundsätzlichste aller Verstrickungen, das Leben. Sie ist unabwendbar, da wir es alleine ja nicht schaffen und auf jene angewiesen sind, die uns lieben. Wenn man allerdings selber Kinder hat, zeigt sich diese Verstrickung nochmals von einer andern Seite. Die Kinder sind so eng mit uns verbunden, dass wir sie notwendig in alles hineinreissen, worin wir schwimmen. Auch in unsere Abgründe?
"Dont worry if we fall in Love, we will never touch the ground" heisst es in einem Lied, das ich gerade höre. Dann müssen wir nur noch fliegen lernen.
Mein Jahr begann mit einem Weckruf. Er erscholl in Form eines jämmerlichen Schluchzens aus dem Kinderzimmer. Dort sass meine Tochter auf dem Bett und fasste sich ans Herz, wo sie ein Stechen verspürt und aus dem Schlaf gerissen hatte. Und weil sie die Geschichte meines Vaters kennt, der auf einer Reise in Indien an einem Herzfehler gestorben ist, glaubte sie sich nun ebenfalls dem Ende nahe.
Es war eine harmlose kleine Frage. Aber wie das mit Fragen manchmal so ist, führte sie zu weiteren Fragen und brachte am Schluss fast das Haus zum Einsturz, das Haus der mentalen Stabilität meiner Schwester.
Was sich mein Neffe denn so zur Weihnacht wünsche, wollte ich wissen. Ihre Antwort war ein Stossseufzer der Stärke neun auf der Richterskala.
Zu den Pflichten einer Schwangeren gehört der Geburtsvorbereitungskurs, bei dem in der Schwangeren-Runde die Geheimnisse der Wehen-Beatmung gelüftet werden. So stelle ich es mir jedenfalls vor, denn ich habe nie einen besucht. Er fehlte mir auch nie. Was mir als Vorbereitung auf die Mutterschaft aber schmerzlich fehlte, war ein Kinder- Erste-Hilfe-Kurs.
Manche Leute behaupten, Kinderkriegen mache konservativ. Das mag sein oder auch nicht. In meinem Fall bewirkte das Familiendasein eher die Befürchtung, dass ich in gewissen Hinsichten nicht konservativ genug auftrete. Etwa wenn es um Fragen der Kleidung geht – beziehungsweise das gelegentliche Fehlen selbiger, wenn ich mich in der Wohung bewege.
Ich mag es, wenn der Mann und die Tochter zusammen in die Stadt gehen, um Schuhe zu kaufen. Denn wohl habe ich selber eine Affinität für Schuhe, trotzdem bin ich nicht immer scharf auf Shopping. So war ich froh, als die beiden jüngst verkündeten, sie würden sich nach ein paar Winterstiefeln umsehen gehen. Noch froher war meine Tochter, als sie stolz ihre Beute in die Wohnung schleppte: hübsche, schwarze Lederstiefel. Hinterher schleppte sich mein Mann: auf dem Zahnfleisch. Erschöpft, als hätte er soeben einen neuen Speedrekord an der Eigernordwand erzielt, liess er sich auf einen Stuhl fallen und stiess klagende Laute aus. «Verdammtes Kinderschuhkartell», keuchte er. Ich musste mich auf ihn setzen und reanimierende Massnahmen ergreifen, um zu erfahren, was geschehen war.
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Michèle Binswanger am Dienstag den 1. Dezember 2009
Rezepte gegen Geschwisterzoff
Die Nachbarsbuben in unserem Haus sind grossartige Jungs. Aber manchmal geben sie es sich ganz schön. Zum Beispiel jüngst der Fall mit der Socke, die zum Stein des Anstosses wurde. Auf selbige beliebte es nämlich dem älteren Jungen, seinen Hintern zu platzieren. Das empfand der Jüngere als groben Affront und verlangte eine umgehende Entfernung des Hinterteils von der Socke, was wiederum für den älteren eine Zumutung schien.
Es weihnachtet schon sehr – zum grossen Grauen vieler Zeitgenossen. Ja, im Dezember jagen sich die Traditionen: Adventssonntage, Samichlaus, Weihnachten, Silvester. Und stellen uns alljährlich vor die Frage: Warum tun wir uns diesen Stress eigentlich an? Darauf gibt es sicher viele Antworten. Zum Beispiel, weil man Kinder hat. Das ist ein guter Grund.
Wenn die Tage kälter werden, ist dies das Fanal für Erkältungen, die Gehörgänge meines Sohnes zu belagern und schmerzhafte Attacken auf seine empfindlichen Mittelohren zu reiten. Dies führt dazu, dass er in dieser Zeit eine Standardantwort auf alle möglichen Fragen, Anwürfe oder Bitten hat. Sie lautet: «Was?»
Kinder mögen Geschichten. Und Eltern mögen es, wenn ihre Kinder Geschmack beweisen, die kindlichen Vorlieben also mit denen der Eltern deckungsgleich sind. Nirgendwo ist das einfacher zu erreichen als in der Literatur. Im Gegensatz zur Musik oder zur Kunst, ist sie dem Kind nämlich nicht unmittelbar, sondern nur über einen Vorleser zugänglich, der natürlich zugleich die Qualitätskontrolle übernimmt.
Sind Kinder eigentlich in der Lage, ernsthafte philosophische Gedanken zu fassen? Nein, so herrschte lange die eiserne Lehrmeinung. Ein Kindergehirn sei für ernsthaftes Denken über das Denken kognitiv zu wenig ausgereift, hiess es. Doch nicht einmal die Philosophie bleibt vom Zeitgeist unbeleckt und so liegt die sogenannte Kinderphilosophie heute im Trend. Da gibt es kinderphilosophische Fachtagungen, Kurse, und Seminare, wo Kinder und Fachpersonen sich gemeinsam den ganz grossen Fragen stellen.
Ordnung ist ein dehnbarer Begriff. Das weiss jeder, der mit anderen Menschen, insbesondere Kindern zusammenlebt. Dehnbar wie das Gummitwist, der Slimey und all die Kaugummis, die zuweilen im Kinderzimmer herumliegen. Ordnungsfimmel gehört definitiv nicht zu meinen Neurosen, trotzdem gelingt es meinen Kindern mich diesbezüglich aus der Fassung zu bringen. Wenn es ums Aufräumen geht, erweisen sie sich als unglaublich renitent. Statt den Akt einfach zu vollziehen, inszenieren sie lieber ein aufwühlendes Drama darum, das Verweigerung, bitterliche Tränen und schliesslich zähneknirschendes Einlenken beinhaltet.
Spielplätze sind ideale Bühnen für das Schauspiel menschlichen Verhaltens in all seinen faszinierenden Facetten. Nirgendwo lassen sich Kinder und ihre sozialen Interaktionen in freier Wildbahn besser beobachten.
Vergangenen Sommer etwa führte ich an einem hitzigen Tag eine Horde Nachbarskinder in den nahe gelegenen Stadtpark, um sie im dortigen Weiher abzukühlen. Das Wasser war ein einziges Gewimmel kindlicher Gliedmassen und meine Gefolgschaft diffundierte im Getümmel wie Wasserstoffmoleküle auf der Suche nach einer geeigneten chemischen Verbindung.
Heute muss ich persönlich werden. Persönlicher geht es gar nicht. Denn heute will ich über den Tod schreiben. Das Kind meiner Freundin ist gestorben. Kein plötzliches Ereignis, es wurde erwartet. Es kam so schwer behindert zur Welt, dass lebensrettende Massnahmen von vornherein ausgeschlossen wurden. Was den Schmerz nicht mindert.
Es scheint, als steuerten wir in Sachen Schweinegrippe langsam auf das Finale zu, bei dem der Bösewicht – die Grippe – sich das grandiose letzte Gefecht mit dem Helden liefert, in unserem Fall der Impfstoff, der im Eilverfahren entwickelt und flächendeckend bereitgestellt wurde. Nicht ohne dass die böse Grippe zuvor noch ein armes kleines Land wie die Ukraine in den Würgegriff genommen hat. Und nun hoffen wir alle, dass ein Happy End nicht ausbleibe.
Kinderaugen sind wie junge Katzen. Sie rennen allem nach und packen, was sie neugierig macht. Die Beobachtungen werden durchs Gehirn geschleust und spazieren als frischfröhliche Thesen durch den Mund wieder hinaus, um sich, ohne zuvor ein Über-Ich konsultiert zu haben, der Welt an die Brust zu werfen. Hiess es nicht mal, ehrlich währt am längsten? Kinder geben diesem Satz eine ganz neue Bedeutung....
Heute habe ich schlechte Laune. Kein schöner Charakterzug, aber ein ehrlicher. Jüngst teilte mir ein Freund mit, er sei wider Erwarten in Erwartung. Ich gratulierte, klatschte in die Hände, jubelte ihm die übliche Arie vor. Er aber argwöhnte, die kollektiv inszenierten Freude um die Elternschaft sei doch bloss eine Lebenslüge.
Dieser Blog-Eintrag ist für meine Freundin, die bald gebären muss und mich fragte, ob es wirklich so schlimm sei. Nun, nicht jede Geburt dauert 72 Stunden, ist eine Taxi-Sturzgeburt oder eine Plazenta-zieht-sich-nicht-zusammen-und-ich-wäre-fast-verblutet-Geburt. Leider aber, muss ich zugeben, sind auch konventionelle Geburten nichts für Weicheier....
Meine Freundin hat vor zwei Wochen ihr erstes Kind geboren. Die freudige Nachricht war zugleich eine traurige, denn ihr Kind leidet unter einem Chromosomenfehler, dem sogenannten Edward-Syndrom. Die meisten Kinder mit Edward-Syndrom sterben bei der Geburt oder in den ersten Lebensjahren...[mehr]
Karl Lagerfeld, nie um einen markigen Kommentar verlegen, hat mal wieder ein verbales Dumdumgeschoss abgefeuert. Und zwar gegen Mütter im Allgemeinen und dicke Mütter im Besonderen.[mehr]
Die stürzenden Temperaturen im Rücken, galoppiert sie wieder heran, die Saison der Viren, Bakterien und Keime, phänomenologisch angezeigt durch verschwenderisches Auftreten von Schleim, Eiter und Fieberschweiss, aus Poren, Nasen und Bronchien tropfend – und Freunden und Arbeitskollegen, die einer nach dem andern ins Bett fallen.
Jeden Tag, wenn ich meine Tochter anschaue, fühle ich mich versucht, ihre Schönheit zu besingen. Und jeden Tag, wenn ich meinem Sohn dabei zuschaue, wie er mit seinen Dinosauriern im Sturzflug durch die Wohnung brettert, Welten erstehen lässt, sie zerstört und mit der Selbstvergessenheit eines Göttervaters wieder aufbaut, muss ich den in meiner Brust jubilierenden und zu Preisungen ansetzenden Mutterstolz niederwerfen und knebeln.[mehr]
Liebe Grosseltern da draussen, dieser Blogeintrag ist für euch. Woche für Woche, Jahr für Jahr nehmt ihr euch Zeit, eure Enkelkinder zu hüten, an ganz normalen Wochentagen und in den Schulferien, wenn die Eltern in den Stollen müssen. Ihr übernehmt Hütedienste am Abend und nehmt die Kinder am Wochenende zu euch, damit wir gestressten Mamis und Papis unsere Beziehung pflegen können...
Vergangenes Wochenende war es mal wieder so weit. Das Chaos suchte mich heim, in Form der ganz normalen Unglücksfälle und Katastrophen, die ein Familienleben so mit sich bringt. Zuerst liess ich mich zu einem spontanen Möbelkauf verleiten, den mein Mann aber nur bedingt toll fand, weil unser Keller jetzt schon von abgelegter Ware überquillt....
Die meisten Mütter hegen den heimlichen Wunsch, die beste aller möglichen, eine eigentliche Traummutter zu sein. Denn in der Nachbarschaft gibt es immer eine andere, die scheinbar besser organisiert, ausgeglichener und überhaupt viel engagierter ist. Erstaunlicherweise bringen auch gewagteste Forschungsexpeditionen zu näheren und ferneren Bekannten nie zweifelsfrei anerkannte Exemplare von Traummüttern zutage.





